Begegnungen mit Lou Andreas-Salomé

[Hier wieder eine Linkliste / Akkordeon]

Iwan Bloch (1872–1922) und Lou Andreas-Salomé

 Im Jahr 1917 hat Lou Andreas-Salomé den Aufsatz „Psychosexualität“ in der „Zeitschrift für Sexual­wissen­schaft“ des Arztes und Sexualforschers Iwan Bloch (1872–1922) veröffentlicht.

Die Basis dieses Aufsatzes war im Frühjahr 1916 als sog. „Ubw-Buch“ [Ubw = Unbewusstes] entstanden, über das sie sich im Mai brieflich mit Sigmund Freud austauscht. Am Ende wird jedoch nichts aus der Publikation des Ubw-Buchs. Stattdessen wird der Mittelteil („Ubw als Psychosexualität“), von dem Freud erst zu einem Zeitpunkt erfuhr, als die gesonderte Publikation bereits beschlos­sene Sache war, zu dem Aufsatz umgearbeitet.

Wie der Kontakt zu Iwan Bloch zustande kam, ist nicht bekannt. Allerdings waren beide mit Helene Stöcker in Verbindung. Zudem war Bloch 1908 Gründungs­mitglied der Psychoanalytischen Gesellschaft Berlin, die 1910 in die Psychoanalytische Vereinigung, Ortsgruppe Berlin, überging, so dass die Bekanntschaft auch über Karl Abraham, dem ersten Vorsitzenden der BPV, entstanden sein könnte. Im November und Dezember 1916 trafen sich Andreas-Salomé und Iwan Bloch dreimal. Am Tag nach dem zweiten Treffen meldet Andreas-Salomé an Freud, dass der Aufsatz publiziert würde.

Lou Andreas-Salomé war für Iwan Bloch keine Unbekannte, als er sie 1916 traf. Wie sein Buch „Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur modernen Kultur“ (1907) belegt, kannte er ihre Romane und Erzählungen bereits vor ihrer Monografie „Die Erotik“ (1910). In Kapitel 31 seines Buches („Die Liebe in der belletristischen Darstellung“) nennt er explizit: „Eine Ausschweifung“ als einen exzeptionell gelungenen Text im Blick auf den „seelischen Masochismus eines Weibes“; sowie „Ruth“, „Fenitschka“, „Ma“ und „Menschenkinder“ mit Bezug zu den „feineren seelischen Beziehungen zwischen Mann und Weib“.

(Von Thomas Höfert, Freiburg)

Der Aufsatz „Psychosexualität“ ist enthalten im Band 4 der Aufsätze und Essays (AuE 4): Zum Shop

Wilhelm Bölsche (1861-1939) und Lou Andreas-Salomé

Kennengelernt haben sich Lou Andreas-Salomé und Wilhelm Bölsche vermutlich 1891, eventuell bereits 1890, über ihren Ehemann Friedrich Carl Andreas, der schon vor ihrer Ehe Kontakte zu den literarischen Kreisen Berlins aufgenommen hatte. Lou war rasch fasziniert: Was sie »hier am stärksten berührte, war das Menschliche: es war der frohe Auftrieb, die bewegte Jugend und Zuversicht, der es nichts verschlug, daß die trübseligsten und düstersten Themen sich herausnahmen, den neuen Geist zu predigen« (L 97). Man traf sich oft und diskutierte heftig.

So kam es auch, dass Wilhelm Bölsche eng in Lous Affäre mit Georg Ledebour verwickelt war, da sie Ledebour im Bölschekreis kennengelernt hatte und die Begegnungen oft dort stattfanden – auch diejenige zu dritt, bei der Lou Angst hatte, Friedrich Carl Andreas würde mit dem Messer auf Ledebour losgehen (L 209).

Ihr reger Austausch in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts schlug sich auch in den jeweiligen Veröffentlichungen nieder:

  • Im Aufsatz »Der Realismus in der Religion« (Freie Bühne 1891) zitiert Lou aus dem letzten Kapitel von »Die Mittagsgöttin« (1891) (siehe Aufsätze und Essays Bd. 1).
  • Bölsche rezensiert Lous »Ibsens Frauengestalten« (Freie Bühne für modernes Leben 1891).
  • Lou rezensiert Bölsches »Liebesleben in der Natur« unter dem Titel »Physische Liebe« (Zukunft 1898; siehe Aufsätze und Essays Bd. 2) und »Vom Bazillus zum Affenmenschen« (Literarisches Echo 1899/1900; siehe Aufsätze und Essays Bd. 3.1).
  • In ihrem Aufsatz »Mensch als Weib« (Neue Deutsche Rundschau 1899) beginnt sie ihre Ausführungen mit einem Hinweis auf Bölsches »Liebesleben in der Natur« (siehe Aufsätze und Essays Bd. 2).

(von Gerd-Hermann Susen, dem Herausgeber von Bd. 1 der Gesamtausgabe von Wilhelm Bölsches Werken; siehe auch den Aufsatz »Dichtung und Wahrheit« von G.-H. Susen, den wir im Newsletter 1/13 vorgestellt haben)

Kurzbiografie von Wilhelm Bölsche

Zurück zum Seitenanfang