Zeitgenossen

Karl Abraham

1877-1925, Arzt und Psychoanalytiker.
Er hatte 1907 während seiner Zeit an der Züricher Klinik Burghölzli von der Psychoanalyse erfahren und war 1910 Gründungsmitglied der Ortsgruppe Berlin der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, der er über 15 Jahre als Präsident vorstand. Seine Forschungsschwerpunkte waren die verschiedenen Entwicklungsstadien der menschlichen Psyche und die Psychodynamik der Psychosen. Er bemühte sich unter seinen Mediziner-Kollegen um eine breitere Anerkennung der Psychoanalyse und war in den 20er Jahren auch für eine Dozentur an der Universität Berlin vorgeschlagen.

Peter Altenberg

eig. Richard Engländer, 1859-1919, Schriftsteller.

Nach abgebrochenem Jura- und Medizinstudium und mehreren Versuchen der Berufstätigkeit lebte er im Wiener Hotel London als freier Schriftsteller. Die erste Sammlung seiner impressionistischen Prosakleinkunst erschien 1896 unter dem Titel »Wie ich es sehe«. In lockerer Form, aber dichter Sprachgestaltung, skizzierte er Szenen aus dem Wiener Leben, die er intensiv umformte als Erlebniswerte. Als dem Jugendstil zugehörig weist ihn auch seine Sinnlichkeit aus: »Er ist das stärkste erotische Talent, das jemals in deutscher Druckerschwärze Spuren eines Erdenwandels hinterlassen hat.« (Alfred Polgar, zit. nach Kosler 1981, S. 54)

Friedrich Carl Andreas

1846-1930, Professor für Orientalistik in Göttingen; Ehemann von Lou Andreas-Salomé.
Er wurde am 14.3.1846 in Batavia, Niederländisch-Indien (heute Jakarta, Indonesien) geboren. Seine Mutter war die Tochter eines norddeutschen Arztes, der auf Java eine Malaiin geheiratet hatte; sein Vater war ein armenischer Fürst, der einem alten Brauch entsprechend nach einer verlorenen Geschlechterfehde den Familiennamen Bagratuni abgelegt und stattdessen den Vornamen Andreas angenommen hatte. Als Friedrich Carl sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Hamburg, wo der Junge eine Privatschule besuchte. Mit vierzehn Jahren kam er auf ein Gymnasium in Genf und entdeckte seine große Sprachbegabung. Dieser Neigung gab er nach und studierte in Halle, Erlangen, Göttingen und Leipzig Orientalistik, speziell Iranistik, und außerdem klassische Philologie und Philosophie. 1868 erhielt er in Erlangen für seine »Beiträge zu einer genaueren Kenntnis des mittelpersischen (Pahlavi-)Schrift- und Lautsystems« den Doktortitel. Anschließend ging er zu weiteren Studien nach Kopenhagen; er lernte dort unter anderem Georg Brandes kennen, der ihn mit den nordischen Sprachen und der skandinavischen Literatur vertraut machte. 1870 wurde Andreas zum Militär einberufen und nahm 1871 an der Schlacht bei Le Mans teil. Nach dem Krieg ging er nach Kiel, wiederum zu Studienzwecken. 1874 bekam er vom Preußischen Kulturministerium die Genehmigung, als epigraphischer Begleiter an einer astronomischen Expedition nach Persien teilzunehmen, wo er nach großen Schwierigkeiten – Beschaffung von Geldmitteln und Erkrankung an Cholera – erst Anfang 1876 eintraf. Andreas blieb fast sieben Jahre in Persien, obwohl die Expedition schon 1876 abgebrochen worden war und kein Geld mehr zur Verfügung stand. Um seine Studien an Ort und Stelle fortsetzen und seinen Einblick in die persische Kultur und das orientalische Leben vertiefen zu können, schlug er sich mit Sprachunterricht und diversen anderen Tätigkeiten durch (so war er zwischenzeitlich auch Generalpostmeister). Sein großes Wissen und seine eindrucksvolle Persönlichkeit verschafften ihm auch Zugang zum persischen Königshof; er wurde zu einem Vertrauten des Prinzen Ihtisam-el-Daule. Als Reisebegleiter des Prinzen traf Andreas im Januar 1882 wieder in Berlin ein. Er hatte seine Gesundheit in Persien ruiniert und brach jetzt völlig zusammen. Durch das Arbeiten im grellen Sonnenlicht hatte er sich ein Augenleiden zugezogen und so konnte er erst Ende des Jahres seine wissenschaftlichen Forschungen wieder aufnehmen. Inzwischen war er vollkommen mittellos; er, der angesehene Gelehrte, mußte seinen Lebensunterhalt erneut mit Sprachstunden mühsam finanzieren. Erst 1887 fand er eine seinen umfassenden Kenntnissen adäquate Stellung und wurde zum Professor für Persisch, bald auch für Türkisch, an das neugegründete Seminar für Orientalische Sprachen in Berlin berufen. Jedoch bereits zwei Jahre später mußte er, zum Opfer von Intrigen geworden, diese Tätigkeit wieder aufgeben. Basis für die Intrigen – und auch für spätere Verleumdungen neidischer Kollegen – war Andreas Scheu, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse schriftlich zu fixieren. Dies lag zum einen daran, daß er kein Ende finden konnte und allen neuen Aspekten, die sich aus bereits gelösten Problemen ergaben, nachspürte. Zum anderen konnte er oft die Beweisführung in der gewünschten Form nicht liefern, da für ihn aufgrund seiner großen intuitiven Begabung viele Zusammenhänge ohne weiteres evident waren – ohne daß dies stringent wissenschaftlich zu dokumentieren war. Diese unverknöcherte Vorgehensweise, seine »heitere Ehrgeizlosigkeit« und die »mangelnde Ruhmgier nach außen« bewahrten ihm andererseits eine große innere Freiheit und vermittelten den Eindruck »königlichster Souveränität« (LRB S.190). So haben eigentlich nur seine direkten Schüler, die er mit großer persönlicher Zuwendung betreute, von seinem immensen Wissen profitiert.

Hermann Bang

1857-1912, dänischer Journalist und Schriftsteller.
Er wollte eigentlich Schauspieler werden, arbeitete dann aber als Journalist und Schriftsteller. Sein Erstlingswerk »Hoffnungslose Geschlechter« (1. Fassung 1880) trägt stark autobiographische Züge. Bang gilt als der bedeutendste Vertreter des dänischen Impressionismus.

Richard Beer-Hofmann

1866-1945, Schriftsteller.

Nach seiner Promotion in Jura lebte er als freier Schriftsteller; nach ersten Novellen trat er 1900 mit seinem lyrischen Roman »Der Tod Georgs« hervor, in dem er sich in Rhythmus und Klang der Bildhaftigkeit Hofmannsthalscher Sprache annäherte und die Handlung fast völlig in Stimmungen, Träume und Reflexionen auflöste. Mit einem Schlage bekannt machte ihn 1899 sein Gedicht »Schlaflied für Mirjam«, von dem auch Lou Andreas-Salomé in ihrem Roman »Ma« zwei Strophen zitiert.

Poul Bjerre

1876-1964, schwedischer Arzt und Psychoanalytiker.

Er war wohl der erste Vertreter der Psychoanalyse in Schweden. Mit seinem anthropologischen Ansatz wandte er sich später der Jungschen Analyse zu, deren Libido-Theorie ihn begeisterte.

Wilhelm Bölsche

1861-1939, Schriftsteller.
Seine »Naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie« (1887) machten ihn zum Theoretiker des Berliner Naturalismus. Er war Mitbegründer der »Freien Volksbühne« und zeitweiliger Redakteur der »Freien Bühne«; später widmete er sich als populärwissenschaftlicher Schriftsteller den unterschiedlichsten Themen der Kunst- und Naturwissenschaft und Philosophie. Berühmt wurde sein dreibändiges Werk »Das Liebesleben in der Natur« (1898-1920), dessen ersten Band Lou Andreas-Salomé 1898 in Maximilian Hardens »Zukunft« besprach.

Zur Begegnung mit Wilhelm Bölsche

Otto Brahm

eig. Abrahamson, 1856-1912, Literaturhistoriker, Regisseur und Theaterkritiker.

Er war Mitbegründer und Leiter der »Freien Bühne« und ab 1890 auch Redakteur der gleichnamigen Zeitschrift, die ab 1894 »Neue Deutsche Rundschau« und ab 1904 »Neue Rundschau« hieß (in der Lou Andreas-Salomé einiges publizierte); 1894 übernahm er das Deutsche Theater.

Georg Brandes

eig. Cohen, 1842-1927, dänischer Literaturhistoriker.

Er war Schüler Hippolyte Taines und wurde zum Wegbereiter des Naturalismus in der dänischen Literatur. Er hielt als erster Vorlesungen über Nietzsche; für seine Nietzsche-Kenntnis dürfte die Vermittlung von Lou von Salomé entscheidend gewesen sein (vgl. Paul 1985, S. 219).

Oskar Bruns

1878-1946, Arzt, Professor in Königsberg.

Er war seit 1918 Leiter der Medizinischen Universitäts-Poliklinik in Göttingen gewesen, ab 1920 a. o. Professor und ab 1922 Direktor der Medizinischen Poliklinik in Königsberg. Vielleicht kannte Lou Andreas-Salomé ihn bereits aus seiner Zeit in Göttingen. Ernst Pfeiffer schreibt in den Anmerkungen zum Freud-Briefwechsel fälschlicherweise Otto Bruns (SF-Brw S. 275).

Constantin Brunner

1862-1937, Philosoph, Gesellschaftskritiker und Lebensreformer

Constantin Brunner war zu Lebzeiten ein bekannter und umstrittener Philosoph, Gesellschaftskritiker und Lebensreformer. In seiner Philosophie, die er vor allem in seiner 1908 erschienenen »Lehre von den Geistigen und vom Volk« formulierte, ging es Brunner vor allem um den lebenspraktischen Sinn. Damit zog er das Interesse einer Reihe von Intellektuellen, KünstlerInnen und Jugendbewegten auf sich. Die umfangreiche Korrespondenz mit Persönlichkeiten wie z.B. Walter Rathenau, Lou Andreas-Salomé, Gustav Landauer, Martin Buber, Leo Berg, Rose Ausländer zeugt davon.
Brunner nahm ausgehend von seinen philosophisch-theoretischen Schriften, in denen er erkenntnis- und wissenschaftstheoretische, naturwissenschaftliche und psychologische Fragen erörterte, auch sehr ausführlich zu zentralen politischen, kulturellen, sozialen und theologischen Debatten seiner Zeit Stellung; u.a. hat er in seinem Buch »Liebe, Ehe, Mann und Weib« an einer Stelle explizit und an vielen anderen ungekennzeichnet auf die erotischen Schriften von Lou Andreas-Salomé reagiert.
Einen Schwerpunkt seiner Arbeiten nach dem ersten Weltkrieg, bildete der Judenhass, den er zu verstehen und zu überwinden suchte. Brunner wandte sich nicht nur gegen den Nationalsozialismus und Kommunismus, sondern auch gegen den Zionismus. Große Aufmerksamkeit fand »Unser Christus oder das Wesen des Genies« (Berlin, 1921). 
1933 flüchtete er, als Jude und früher Gegner des NS-Regimes bedroht nach Den Haag. Seine Bücher wurden verboten und verbrannt, alle „Brunner-Kreise“ wurden zerschlagen, Brunner selbst weitgehend vergessen. Seine Lehren wurden nach dem 2. Weltkrieg von AnhängerInnen v.a. rund um das Internationaal Constantin Brunner Instituut  in Den Haag weitergedacht und diskutiert. Erst seit wenigen Jahren findet sein Werk in verschiedenen Disziplinen wieder Aufmerksamkeit, sein gesamter Nachlass wird in zwei Forschungsprojekten betreut. Teilnachlässe werden zur Zeit in einer Depandance des Leo Baeck Institutes im Jüdischen Museum digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. (Claudia Weinzierl)

zur Biografischen Notiz

Frederike (Frieda) Sophie Louise Freiin von Bülow

1857-1909, Schriftstellerin.

Sie wurde am 12. Oktober 1857 in Berlin geboren. Ihre Mutter Clothilde stammte aus dem Adelsgeschlecht der Münchhausen; ihr Vater, Hugo Freiherr von Bülow, war Jurist. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte Frieda in Izmir (Türkei; früher: Smyrna), wohin ihr Vater als Leiter des deutschen Konsulats versetzt worden war; später lebte sie mit ihrer Mutter und den jüngeren Geschwistern (Sophie, Margarete, Albrecht und Kuno) in der pietistischen Herrnhuter Brüdergemeinde in Thüringen. Die Töchter besuchten die dazugehörige Mädchenschule; Frieda und Margarete waren seit dieser Zeit unzertrennlich. Nach dem Besuch eines Mädchenpensionats in England ging Frieda auf das Lehrerinnenseminar der gemäßigten Frauenrechtlerin Helene Lange. Ihren Beruf übte sie jedoch nur ein Jahr aus. Als 1884 die über alles geliebte Margarete, die eine ausgeprägte dichterische Begabung besaß, bei der Rettung eines im Eis eingebrochenen Kindes ertrank, begann Frieda unter schweren Depressionen zu leiden. Erst die Entwicklung der deutschen Kolonialpolitik weckte neue Energien in ihr. Sie lernte den Eroberer von Deutsch-Ostafrika, Carl Peters (1856-1918), kennen und verliebte sich in ihn. Im Mai 1887 ging sie nach Deutsch-Ostafrika (heute Tansania). Dort gründete sie zwei Krankenstationen und verlebte mit Carl Peters die schönste Zeit ihrer Liebe, bis sie 1888 ein schweres Malariafieber zur Rückkehr nach Deutschland zwang. Hier brachte sie ihre Erlebnisse zu Papier und führte somit den Kolonialroman in die deutsche Literatur ein. Mit diesen damals brandaktuellen Schilderungen machte sie sich sehr schnell einen Namen. Ihre Schriftstellertätigkeit wurde nun für sie die Existenzgrundlage und umfaßte später auch Rezensionen und Kritiken; in Novellen- und Romanform thematisierte sie vor allem das Problem der Frauenemanzipation.

Richard Dehmel

1863-1920, Schriftsteller.

Er arbeitete als Sekretär bei einer Versicherungsgesellschaft, ab 1895 als freier Schriftsteller. Gemeinsam mit Karl Ludwig Schleich, Otto Julius Bierbaum, den Brüdern Hart und August Strindberg gehörte er zur Tafelrunde im »Schwarzen Ferkel«. Er zählte zu den einfluß- und erfolgreichsten Lyrikern der Jahrhundertwende: Von Nietzsche beeindruckt kam er vom Impressionismus in seinen Gedichten zu einem pathetisch betonten, sozialen Naturalismus.

Hans Delbrück

1848-1929, Historiker, Professor in Berlin.

Zwischen 1883 und 1919 gab er die »Preußischen Jahrbücher« heraus. In seinen grundlegenden kriegsgeschichtlichen Forschungen (»Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte«) unterschied er zwischen Ermattungsstrategie (Friedrich der Große) und Niederwerfungsstrategie (Napoleon I.). 1882 erschien sein Werk »Das Leben des Feldmarschalls Grafen Neithart von Gneisenau«; das Exemplar, das er im gleichen Jahr Lou von Salomé schenkte, enthält die Widmung: »Wenn nicht zum Lesen – doch zum Andenken« (LRB S. 249).

Ellen Delp

geb. Schachian, verh. Krafft-Delp, 1890-1990, Schriftstellerin und Schauspielerin.

Sie hatte Germanistik studiert, und auf Lou Andreas-Salomés Vermittlung hin zogen Max Reinhardt und Gerhart Hauptmann sie später als künstlerisch-literarische Beraterin hinzu. Sie übernahm aber auch selbst Rollen, u.a. das Hannele in Gerhard Hauptmanns »Hanneles Himmelfahrt« – zur Freude Lous, die dieses Stück ganz besonders liebte.

Paul Deussen

1845-1916, Philosoph.

Seit dem Besuch von Schulpforta war er mit Nietzsche befreundet. Er beschäftigte sich mit Übersetzung und Darstellung der indischen Philosophie, die er mit der Philosophie Schopenhauers zu einer Metaphysik zu vereinigen suchte; 1883 arbeitete er gerade an seinem »System der Vedânta«. Er ist der Herausgeber der großen Schopenhauer-Ausgabe (1919ff).

Hermann Ebbinghaus

1850-1909, Psychologe und Professor.

Er befaßte sich u.a. mit Lern- und Gedächtnisvorgängen (»Über das Gedächtnis«, 1885). Anhand zahlreicher Tests (Erlernen von neutralen, sinnlosen Silben) hielt er in der »Ebbinghaus-Kurve« das Tempo des Vergessens fest (Gelerntes wird zunächst schnell, dann immer langsamer vergessen). Der »Ebbinghaus-Test« (»Lückentest«) ist ein von ihm eingeführter Intelligenztest, bei dem ein zusammenhängender, aber lückenhafter Text sinnvoll ergänzt werden muß. Ab 1894 war er Professor in Halle und Breslau; er ist Mitbegründer der experimentellen Psychologie.

Max Eitingon

1881-1943, Psychoanalytiker.

Er kam zusammen mit Karl Abraham über die Züricher Nervenheilanstalt Burghölzli, wo C.G. Jung und Eugen Bleuler praktizierten, zur Psychoanalyse. 1909 siedelte er mit Abraham nach Berlin über und war eines der Gründungsmitglieder der Berliner Ortsgruppe der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Obwohl wissenschaftlich nicht aktiv und nur wenige Patienten selbst behandelnd, leistete er der psychoanalytischen Bewegung als Organisator, Lehrer und Mäzen unschätzbare Dienste. 1920 gründete er zusammen mit Ernst Simmel die psychoanalytische Poliklinik und Lehranstalt. Zusammen mit seiner Frau wanderte er während der Nazi-Zeit nach Israel aus.

August Endell

1871-1925, Philosoph, Architekt, Kunstgewerbler und Schriftsteller.

In München erhielt er wertvolle Anregungen von Hermann Obrist, im wesentlichen war er Autodidakt. 1896 hatte er eine kleine Schrift »Über die Schönheit« veröffentlicht, nach deren Lektüre sich Lou Andreas-Salomé – vermutlich im Herbst 1896 – an ihn gewandt hatte. Er gilt als der bedeutendste Architekt des Jugendstils.

Sándor Ferenczi

1873-1933, Psychoanalytiker.

Er beschäftigte sich seit 1907 mit der Psychoanalyse und war der bedeutendste Psychoanalytiker in Ungarn. Einer seiner klassisch gewordenen Essays ist »Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes« (1913); er stellt die erste psychoanalytische Arbeit über die Entwicklung des Ich dar. Seine Arbeiten gehen zumeist von ganz alltäglichen klinischen Beobachtungen aus, wie sie jedem Analytiker wohlbekannt sind, aber gerade wegen dieser Häufigkeit der Aufmerksamkeit und richtigen Bewertung entgehen. Diese Beobachtungsgabe führte ihn zur »aktiven Therapie«, die über die in der Psychoanalyse übliche Auswertung der verbalen Äußerungen des Patienten hinaus auch die nonverbalen Reaktionen berücksichtigt und in die Übertragungssituation miteinbezieht: »Zur psychoanalytischen Technik« (1918). Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt er 1919 einen psychoanalytischen Lehrstuhl – den ersten in der Geschichte der Psychoanalyse –, der dann allerdings in der ungarischen Räterepublik unterging.

Arne Garborg

eig. Aadne Eivindsson Garborg, 1851-1924, norwegischer Schriftsteller.

Nach der Veröffentlichung seines Romans »Mannfolk« 1887 (dt. »Aus der Männerwelt«) zählte Garborg zu den wichtigsten skandinavischen Schriftstellern. 1890/91 lebte er für einige Zeit in Berlin und Friedrichshagen, wo er schnell Anschluss an die naturalistische Bewegung und ihre Hauptvertreter fand. Seine literarischen Arbeiten (vor allem »Bei Mama«, »Müde Seelen« und »Frieden«) beeinflussten zahlreiche deutsche Autoren.

zur Biografischen Notiz

Viktor-Emil von Gebsattel

1883-1976, Arzt, Professor für anthropologische Medizin.

Er hatte Jura und Philosophie studiert und auf zahllosen Reisen die bedeutendsten Künstler seiner Zeit kennengelernt. Dann erfuhr er von der Psychoanalyse und absolvierte seine Ausbildung bald darauf bei Leonhard Seif in München. Am 31.5.1911 hielt er in der Ortsgruppe München der Psychoanalytischen Vereinigung den Vortrag »Perversion des Geltungsstrebens und ihre exhibitionistische Wurzel«. Ungefähr zu gleicher Zeit hatte er aufs Neue zu studieren begonnen – Medizin – und spezialisierte sich auf Neurologie. Ab 1924 hatte er die Leitung der Kuranstalten Westend bei Berlin, und 1926 gründete er seine eigene Klinik, die er während des dritten Reiches auch Juden und Euthanasiepatienten offenhielt. 1938 mußte er die Klinik schließen. Wesentlicher Bestandteil seines Denkens ist der anthropologische Ansatz, der auch bei Lou Andreas-Salomé eine Rolle spielt.

Simon Glücklich

geb. 1863, Maler.

Er studierte an der Wiener Akademie und war seit 1899 in München ansässig. Anfänglich der Genremalerei verpflichtet, malte er später auch Landschaften, Akte und Portraits; Kaiser Franz Joseph kaufte sein erstes Bild »Kinderquartett«. Das Portrait von Lou Andreas-Salomé befand sich im Besitz von Maria Apel in Göttingen.

Max Halbe

1865-1944, Schriftsteller.

Er war von Ibsen und Hauptmann beeinflußt und hatte mit dem naturalistischen Drama »Jugend« seinen größten Erfolg. Später wichen die sozialkritischen Aspekte seiner Dichtung neuromantischen Zügen, die sie der »Heimatkunst« annäherten, so daß er auch den Nationalsozialisten genehm war.

Ludwig Haller

gest. 1888, Philosoph.

Sein Werk »Alles in Allem. Metalogik, Metaphysik, Metapsychik« wurde in seinem Todesjahr 1888 veröffentlicht.

Knut Hamsun

eig. Pedersen, 1859-1952, Schriftsteller.

Nach seinem Wanderleben in Amerika, wo er unter anderem als Hilfslehrer, Ladenjunge und Straßenbahnschaffner gearbeitet hatte, veröffentlichte er 1888 Teile seines ersten Romans »Hunger« und erregte einiges Aufsehen. Moderne Stilmittel (innerer Monolog, erlebte Rede) weisen ihn als Vorläufer von Marcel Proust und James Joyce aus; 1920 erhielt er den Nobelpreis.

Maximilian Harden

eig. Witkowski, 1861-1927, Publizist.

Nachdem er ab 1888 unter anderem im »Berliner Tageblatt« veröffentlicht hatte, gründete er – ein glänzender Stilist und Essayist – 1892 die politische Wochenzeitschrift »Die Zukunft« (in der auch Lou Andreas Salomé einige Aufsätze veröffentlichte). Harden war Mitbegründer der »Freien Bühne« und ab 1905 auch Förderer und Berater Max Reinhardts.

Julius und Heinrich Hart

1859-1930 bzw. 1855-1906, Redakteure und Kritiker.

Sie gaben literaturprogrammatische Zeitschriften und Jahrbücher heraus, so 1882-1886 die »Kritischen Waffengänge«, die sie als Vorkämpfer des Naturalismus etablierten.

Gerhart Hauptmann

1861-1946, Schriftsteller.

Er ist der bedeutendste Schriftsteller des deutschen Naturalismus. 1889 wurde in der »Freien Bühne« sein Drama »Vor Sonnenaufgang« uraufgeführt, das – obwohl von Theodor Fontane gerühmt – zum Theaterskandal wurde und Hauptmann über Nacht ebenso berühmt wie umstritten machte.

Hugo von Hofmannsthal

1874-1929, Schriftsteller.

Er hatte Jura studiert, später Romanistik. Bereits mit 17 Jahren hatte er sich unter dem Pseudonym Loris mit seinem kleinen, schwermütig-nachdenklichen Erstlingsdrama »Gestern« wirkungsvoll bei der literarischen Avantgarde Wiens eingeführt. Das impressionistische Jugendwerk des Frühreifen thematisiert in lyrisch-magischer Sprache vor allem das Verhältnis von Kunst und Leben und betreibt eine ästhetisierende Weltschau im Bewußsein der Todesverfallenheit. Die im »Chandos-Brief« (»Ein Brief«, 1902) geäußerte Sprachskepsis – als Manifest einer Bewußtseinskrise, einer Krise im Verhältnis von Ich und Umwelt symptomatisch für die Jahrhundertwende – bedeutete eine Abwendung von der Wortmagie seiner Jugendwerke. Sein späteres Schaffen ist gekennzeichnet durch eine Abkehr von der egozentrischen Weltsicht und der Hinwendung zu zwischenmenschlicher Kommunikation im weitesten Sinne.

Arno Holz

1863-1929, Schriftsteller.

Er war zuerst Redakteur, dann freier Schriftsteller, Mitglied des Naturalistenvereins »Durch!« und Schriftleiter der »Freien Bühne«. Seine theoretischen Schriften – von Emile Zola beeinflußt und ihn in der Radikalität übertreffend – weisen ihn als Begründer des konsequenten Naturalismus in Deutschland aus. Seit 1888/89 war er befreundet mit Johannes Schlaf; aus ihrer Zusammenarbeit gingen naturalistische Musterwerke hervor, so daß z.B. das Drama »Die Familie Selicke« (1890) oder die Prosaskizze »Papa Hamlet« (1889), in der der sogenannte Sekundenstil entwickelt wurde.

Ellen Key

1849-1926, schwedische Pädagogin, Lehrerin und Schriftstellerin.

Sie hatte mit ihrem 1902 erschienen Buch »Das Jahrhundert des Kindes« einiges Aufsehen erregt: Mit einem Nietzsche-Wort als Motto: »An euren Kindern sollt ihr gutmachen, daß ihr eurer Väter Kinder seid«, forderte sie die Möglichkeit zu individueller Selbstverwirklichung schon des kleinen Kindes, die einhergehen müsse mit einer Veränderung der sozialen Verhältnisse.

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